↪ Retrospektive
Pauline 51 - 02.12.2021, Winter 2021
Resilienz und
Nachhaltigkeit für
Architektur?

Resilienz und Nachhaltigkeit für< Architektur? - Resilienz und Nachhaltigkeit für< Architektur? - Resilienz und Nachhaltigkeit für Architektur?

Die Winter Pauline 2021 steht wie im Jahr zuvor im Zeichen der Pandemie. Allein im Studio in der Paulinenstraße 51 eröffnet Bernd Mannsperger die Veranstaltung. Schöner wäre es, so Manns- perger wenn man wie im Jahr 2019 noch zusammen Glühwein trinken könnte, doch es sind an- dere Zeiten und man macht das Beste daraus! Rudi Schricker eröffnet die Veranstaltung „Bedeutung – Resilienz und Nachhaltigkeit für Architek- tur?“. Resilienz so Schricker ist die Fähigkeit eines Systems, mit Fehlern umzugehen. Resiliente Räume sind folglich Räume, die auch unter äußeren Störungen in ihrer Nutzung nicht einge- schränkt sind. Resiliente Räume sind nicht (nur) für das Jetzt, sondern auch für die Zukunft. Es ist die Fähigkeit Räumen Flexibilität zu lassen, für Architektur, die noch kommen wird. (Innen) Architekten müssen den Räumen Chancen lassen, sich noch zu verändern, Räume sollen wie ein Chamäleon sein, und fortwährende Veränderungen zulassen und sich nach Außen, nach Innen, aber auch in ihrem ganzheitlichen System den Gegebenheiten der jeweiligen Zeit anpassen.

Der erste Referent des Abends ist Martin Gessert von H4a Gessert + Randecker Architekten GmbH aus Stuttgart. Seit über 20 Jahren entwirft, plant und realisiert das Büro ein komplettes Pot- pourri an Architektur. In ihrer Arbeit, so Gessert, ist es dem Büro besonders wichtig, für den jeweili- gen Ort und die dortigen Bedingungen zu bauen und immer unvoreingenommen an die speziellen Anforderungen heran zu treten. Die Architektur wird hauptsächlich bestimmt durch den Ort, den Mensch, die Funktion und die Nachhaltigkeit. Eine direkte Auseinandersetzung mit Menschen und Ort ist ein kontinuierlicher Dialog und beeinflusst die Qualität des Ergebnisses. Gibt es so etwas wie natürliche Resilienz? frägt Gessert zu Beginn seines Vortrags in die Runde. In den Vorbereitungen zu seinem Vortrag habe er nichts dazu gefunden. Gessert greift die Worte von Schricker auf und beschreibt Resilienz als die Fähigkeit Krisen zu bewältigen.

Im Hinblick auf die Klimakrise, wenn man sich den ökologischen Fußabdruck eines Gebäudes ansieht, ist dieser jedoch mehr als eine reine Zahl, denn er relativiert sich mit der Nutzungsdauer. Wenn ein Gebäude 80 statt 40 Jahre genutzt wird, sind die Klima schädlichen Auswirkungen nur halb so groß.

Leider werden Gebäude immer noch für eine kurze Lebensdauer von wenigen Jahrzehnten konzipiert. Bauen sollte mit mehr Verantwortungsbewusstsein betrieben werden. Sein Credo: das nachhaltigste Gebäude ist das, das nie abgerissen wird. Ein Abriss bedeutet auch, dass lebendige Identitäten der Städte und somit auch ihre Vielschich- tigkeit verloren gehen. Welche Konsequenzen hat das jedoch für unsere Gebäude und Stadtpla- nung?

Resilienz, so Gessert, kann sich in unterschiedlichen Formen ausdrücken. Es gibt sie durch ro- buste technische Formen, durch dauerhafte Nutzbarkeit, durch organische Systeme, durch Dezen- tralisierung oder durch kulturhistorische Bedeutung. Sie muss jedoch auch praktiziert werden. Passend zum Thema stellt Gessert ein Projekt aus dem eigenen Büro vor. Die Firmenerweiterung der „wala Heilmittel GmbH“ in Bad Boll. Der anthroposophische Hintergrund der Firma, erläutert Gessert, habe sie im Entwurfsprozess dazu geführt, sich mit natürlichen Zellenstrukturen und wachsenden Organismen auseinanderzusetzten. Der Firmensitz ist zu einem organischen System geworden, er verbindet sich mit der Umgebung und ist durch seine Architektur offen für weiteres Wachstum. Auch die Innenräume sind in ihrer Architektur so geplant, dass sie Veränderungen jed- erzeit zulassen und sich somit zukünftigen Gegebenheiten flexibel anpassen können.

Der zweite Beitrag an diesem Abend kommt von Macus Zehle von HSP Architekten aus Stuttgart „Nachhaltige Architektur und Konsequenzen – mehr als energie- und ressourcenschonend“. Zehle definiert zunächst den Begriff der Nachhaltigkeit: dieser kommt aus der Forstwirtschaft und bedeu- tet letztlich, es darf nur so viel raus wie rein. Nachhaltigkeit ist ein bewusster Umgang mit Res- sourcen. Der Begriff der Nachhaltigkeit, so Zehle, sei jedoch schon viel diskutiert worden, Resil- ienz jedoch kaum.

Zehle erläutert Resilienz am Beispiel eines Flugzeugs. Das Flugzeug fliegt durch die Resilienz in der Technik, auch wenn technische Mängel bestehen: Standards und Vorgaben, Konstruktion- srichtlinien, Abnahmen, Wartungsintervalle etc. und durch die Resilienz des Menschen, dieser durchläuft Schulungen, Prüfungen und Fortbildungen. Es gibt keine ungeplanten Aktionen - Pilot, Copilot und Maschine wirken zusammen. Dennoch können Flugzeuge abstürzen! Zehle erläutert seine Gedanken zur Resilienz in der Architektur. Resilienz ist Dauerhaftigkeit, Robustheit, Veränderbarkeit, handwerkliches Können, Gestaltung sowie Ressourcen im Bau- und im Betriebsstadium. Schon Vitruv beschrieb dauerhafte Architektur durch Faktoren wie Festigkeit, Zweckmäßigkeit und Schönheit. Der Resilienz gegenüber steht die Vulnerabilität; diese entsteht durch Umwelteinflüsse, Alterung, Nutzungsänderung, neue technische Anforderungen, ein kom- plexeres Bauen, Materialknappheit und steigende Baukosten. Ob ein Bauprojekt dann wirklich resilient sein kann, wird wiederum durch äußere Faktoren, wie den Bauherrn, dessen Gelder und Ressourcen sowie die Öffentlichkeit und deren Infrastruktur, Gesetze und Förderungen bestimmt. Zehle kommt zurück auf seinen anfänglichen Vergleich mit dem Flugzeug. Was hat das nun mit dem Bauen zu tun? Der Prozess des Bauens soll durch den Architekten zu einem sicheren Ziel geführt werden. Auf den Architekten und die Planer muss sich der Bauherr verlassen, ebenso wie die Passagiere auf den Piloten. In der Zusammenarbeit wirken aber viele Gewerke, mit teilweise schlechter Qualifikation an immer komplizierteren Details mit. Heutzutage so Zehle Gessert, gibt es jedoch leider einen deutlichen Widersprich zwischen dem technischen Anspruch und der Qualifikation der Ausführenden, sowie dem politischen Wil- len, Bauen billiger zu machen. Herr Zehle fordert also die Investition in Mensch und Material als Voraussetzung für Resilienz im Bauen. Abschließend zeigt Zehle noch Projekte aus dem eigenen Büro, wie das unter Denkmalschutz stehende Hallenbad in Feuerbach, von Manfred Lehmbruck 1964 gebaut, und mit herausragenden Glasmalereien von HAP Grieshaber versehen. In der Sani- erung wurde der historische Bestand berücksichtigt und gleichzeitig neue Aspekte wie Barrierefrei- heit in das Gebäude mit eingewoben, und somit zukunftsfähiger gemacht.

Wir sind in einem stetigen Wandel, so Arat, auch wenn wir es nicht merken. Faktoren, wie die Flut dieses Jahr in Rheinlandpfalz und die extreme Hitze anderorts, lassen uns diesen Wandel jedoch langsam spüren. Wie kommen wir zu robusteren Systemen, die sich diesen neuen und härteren Bedingungen anpassen? Es entstehen für Planer neue Herausforderungen zu einer widerstands- fähigeren und zugleich anpassungsfähigeren Architektur. Was bedarf es jedoch, um die zukünfti- gen Städte als resiliente, adaptive und zukunftsfähige Systeme zu entwickeln?

Wie kann man dem immer komplexeren System „Stadt“ gerechnet werden? Am städtebaulichen Entwicklungs-Projekt „Stuttgart Rosenstein“ stellt Arat ein Projekt von asp vor, was sich ebenfalls mit der Thematik beschäftigt. Das Projekt umfasst das ca. 85 Hektar Gleisbett im Kontext des Stuttgarter Hauptbahnhofs, ein zentraler Ort, an dem Raum für neue Wohnungen und öffentliche und kulturelle Projekte geschaffen wird. Das Projekt ist besonders durch seinen ganzheitlichen Ansatz geprägt. Eine Stadt braucht Grün und Freiflächen, damit sie zukunftsfähig sein kann. Die Stadt wird vernetzt durch einen Park in der Mitte, sodass Stadt und Natur sinnvoll konfiguriert werden. So kann sich Artenvielfalt ausbreiten und urbane Landwirtschaft wird möglich. Die Grünflächen, so Arat, ermöglichen nicht nur Flächen für Natur, sondern auch urbane Bewe- gungsräume für alle, die sich in der Stadt aufhalten. Auch Dächer und Fassaden sollen begrünt werden, Regenwasser gespart und Grauwasser umgenutzt werden, sodass die im Sommer im- mer stärker werdende „Urban Heat“ unterbunden werden kann. Im neuen Viertel sind vielfältige Nutzungen geplant; Gewerbe, Soziales und Wohnen verbinden sich in den unterschiedlichen Wohnblöcken, gemischt mit Einrichtungen für Kultur, Bildung und Forschung. Die Wohnräume, die gebaut werden, sollen bezahlbar sein und alternative neue Wohnformen anbieten. Auch bessere Mobilität wird mehr Berücksichtigung erfahren. Eine Straße ist nicht nur für Autos da, sondern für Mensch, Fahrrad und anderen Fortbewegungsmöglichkeiten, verbunden mit Grünanlagen und Freizeiteinrichtungen. Fassaden werden geöffnet und innen und außen verschmelzen. Resilienz, so Arat, ist als ganzheitlicher Ansatz so zu verstehen, Spuren des Vorhandenen auf- zunehmen und mit verschiedenen innovativen Faktoren zu verknüpfen, die ein zukunftsfähiges und dauerhaft „lebendiges“ Stadtquartier schaffen können. Die „bespielbare Stadt“ weist ein breites Repertoire an verschiedenen Möglichkeitsfeldern auf, die sich stets und immer wieder neu mit interdisziplinären Bedeutungsfelder, wie Wildnis Planung, Animal Aided Design, Frei- flächen für Menschen aller Generationen usw., auseinandersetzen und permanente Erneuerung gewährleisten.

geschrieben von
↪ Samira Isabelle Müller
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