↪ Retrospektiv
Pauline 51 - 17.06.2021, Sommer 2021
Kompetenzen
und Qualifikationen die das Berufsbild prägen

Kompetenzen und Qualifikationen die das Berufsbild prägen, Kompetenzen und Qualifikationen die das Berufsbild prägen, Kompetenzen und Qualifikationen die das Berufsbild prägen

Die diesjährige „Sommer-Pauline“ findet (man hat sich bereits daran gewöhnt) wieder im Zeichen der Pandemie statt. Im Studio sitzt Bernd Mannsperger mit Kollegen, der Rest der rund 60 Teilnehmer findet sich um 18:00 vor den heimischen Bildschirmen ein. „Kompetenzen und Qualifikationen, die das Berufsbild prägen“ ist der Titel der heutigen Veranstaltung. Rudi Schricker beginnt wie immer mit einem Anfangsplädoyer. Die vergangenen Pauline 51 Veranstaltungen haben gezeigt, dass der Beruf des/der (Innen)Architekten/in mit einem sehr ausgeprägten Berufsethos verbunden ist, welcher zunehmend im Kontrast zum strengen Regelwerk der HOAI steht. Schricker zitiert Tobias Wallisser aus der letzten Pauline: „Die AKA ist keine Berufsschule sondern jungen Menschen soll die Chance gegeben werden, selbst Ideen zu entwickeln“.

(Innen)Architekten*innen müssen kreativ, rebellisch und provokant sein, so Schricker, um gestalterische Gefühlsregungen wecken und die Ambitionen zu haben, mit der Gestaltung der Welt für andere Menschen verantwortlich zu sein. Die Humanwissenschaften sollten mehr in den Entwurf einbezogen werden. Die Frage sei erlaubt, warum manche Architektur guttut und andere nicht? Mit der Abschaffung des Diplom-Ingenieurs und der Zuwendung zum zweistufigen Bachelor- und Mastersystem haben Hochschulen in der Vergangenheit bereits den ersten Schritt getan. Der typische Bachelor ist eher ein Bachelor „of ART“ und nicht „of ENGINEERING“. Aber was suchen Büroinhaber denn, wenn sie neue Leute zur Mitarbeit auswählen? Welche Kompetenzen und Qualifikationen werden von Absolventen erwartet? Interdisziplinarität? Generalist? oder werden junge Berufsanfänger zum Bauzeichner Assistenten degradiert?

Der Widerstreit zwischen der Praxis und den Hochschulen wird in Situationen wie der Diskussion um Kammerfähigkeit und den entsprechenden Voraussetzungen dazu deutlich, wenn junge Leute nach langjährigem Studium nicht in die Kammer können, da der Studiengang der Universität/ Hochschule die dafür notwendigen Voraussetzungen nicht vermitteln kann.. Hochschulen, Büros und Architektenkammer sollten den Dialog miteinander fördern und abgestimmtes Handeln ermöglichen.

Der erste Referent des Abends ist Prof. Stefan Schäfer, Inhaber von ass Architekten Stuttgart und Professor für Konstruktives Gestalten und Baukonstruktion an der TU Darmstadt. Zum Auftakt zeigt Schäfer ein Bild aus einer Schreinerwerkstatt. Dies, so Schäfer, zeige er öfter, denn dieses Bild umschreibe sehr schön seine Wurzeln aus einer Schreinerfamilie. Schon da habe man alles zuerst konzeptioniert und dann ausgeführt. In der heutigen Praxis ist es oft so, dass auf der einen Seite die Planer sind und auf der anderen Seite die Verantwortlichen auf der Baustelle. Schäfer ist der Meinung, solch eine Trennung sollte man verhindern und beide Welten verbinden. Bauen kann als kreativer Prozess nicht vom Technischen getrennt werden. Es müssen alle Gewerke berücksichtigt werden. Als junger Architekt sollte man vor allem „open-minded“ sein.

Ein Architekt muss, laut Schäfer ein „Lead“, also eine Führungsrolle einnehmen. In seiner Lehre, erzählt Schäfer, fängt er immer damit an, wie Produkte aus verschiedenen Materialien konzipiert und gebaut werden. Das Konzept und die detaillierte Ausführung sind einfach untrennbar mitein- ander verbunden. Wie soll man etwas entwerfen, wenn man nicht weiß, wie es nachher gebaut wird? Schäfer plädiert, offen zu bleiben. Er vergleicht das Studium mit dem Treibstoff für eine Rakete, welche für den Start in die kreative Berufs-Umlaufbahn besonders wichtig ist. Das Büro soll eine Bewusstseinsbildungsanstalt für Studierende sein; man lernt schließlich sein Leben lang. Schäfer blickt zurück auf seinen eigenen Werdegang, als er mit seiner Laufbahn begann, musste alles immer nur schön und richtig sein und erst später achtete man mehr auf das „Gute“ im Sinne der Menschen, für die man eigentlich baut. Heute wirkt Architektur nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Die Verantwortung in unserem Tun ist uns heute klar geworden: „Was muss ich tun, damit Gebäude ihre Nutzer glücklich machen?“. Oft, so Schäfer, ist es leider doch noch so, dass verkannt wird, was Architektur alles kann. Dabei ist „Architekt“ ein so toller Beruf. Oft wird kolportiert: „Architekten und Ingenieure und nicht Ärzte haben mit dem Bau der Kanalisation die Pest besiegt.“

Der zweite Beitrag des Abends kommt von Peter Ippolito, Architekt und Inhaber der Ippolito Fleitz Group. Er beginnt seinen Vortrag mit einem Statement: „Einen guten Gestalter macht es aus, Empathie zu haben, Humor und vor allem den Mut, etwas Neues auszuprobieren und offen zu sein. Man sei schließlich Teil von Veränderungen!

Die Pandemie, so Ippolito, hat Dinge in Bewegung gebracht! Das „Normal“, zu dem die Menschen alle unbedingt zurück wollen, gibt es nicht! Wandel ist beständig. Die Welt ist einfach kompliziert und Wahrheit relativ. Um dieser Komplexität zu entgehen, tendieren/tendierten Menschen oft dazu, einen Fokus zu setzten. Man hat die Dinge einfach so gemacht, wie man sie gemacht hat. Jedoch sind Bezeichnungen wie „wahr“ und „gut“ schon immer subjektiv, situativ und in Relation zu etwas .. Grenzen lösen sich auf, wenngleich langsam. Und Wandel ist beständig.

In seiner Ausbildung, so Ippolito, liebte er die Arbeit mit dem Tuschestift, die Werkzeuge heute werden jedoch nicht einfacher, sondern immer komplexer. Die Angst vor dieser Komplexität hält uns auf den Beinen und zwingt zum Reflektieren. Wir müssen die Komplexität der Welt als gege- ben annehmen. Es sollte keine Neuigkeit sein, mit dem Nutzer zu arbeiten! Schon immer sollte man mit Nutzern arbeiten. Wer sich selbst verwirklichen will, kann Bildhauer werden. Ein Tunnelblick bringt nichts! Als Gestalter müssen wir Werte für Menschen schaffen, nur dann ist Architektur auch wirklich nachhaltig. Probleme sollten schon immer ganzheitlich angegangen, jeder Bereich sollte inter- disziplinär angegangen werden. Interdisziplinär beinhaltet auch, offen sein für die Denkweise anderer. Sehen, analysieren und fragen können, bis man etwas versteht.

Ippolito berichtet, oft Bewerbungen zu erhalten von Leuten, die laut Anschreiben alles können. Es ist jedoch viel wichtiger, selbst denken zu können und Gedanken dann mit anderen zu teilen! Umso eine Denkweise zu fördern, müssten junge Leute mehr raus in die Welt gehen. Nur das gibt einem die Chance, sich selbst zu reflektieren und den eigenen Prozess in Frage zu stellen. Wir sind nicht nur die Verhübscher! Wir als (Innen)Architekten/innen müssen von vornhinein mit in den Prozess der Veränderung mit einbezogen werden. Nur wenn man von Beginn an dabei ist, bekommt man die Chance, gleich alles mitzugestalten. Die Pandemie hat Chancen aufgezeigt. Veränderung öffnet Chancen!, wie immer. „Normal“ und „Betulichkeit“ gehören nicht in das Vokabular der Kreativen. Hunger nach Veränderung und danach, ein gutes Gegenüber sein zu wollen und durch den Prozess zu „Führen“ – sehr wohl. Und eine Portion Humor gehört letztlich auch immer dazu.

Der letzte Beitrag des Abends ist von Christine Kappei; Professorin an der HfT Stuttgart und Inhaberin des Büros für Baukostenplanung und Projektmanagement Museen. Sie bezieht sichauf ihren Vorredner und stimmt ihm zu: Betulichkeit mache sie auch nervös. Nachhaltigkeit ist ein „Buzzword“ geworden. Es wird viel über Nachhaltigkeit geredet. Alles muss nachhaltig sein. Aber am Ende entscheidet man sich dann doch für Beton – weil er offenbar „schön“ ist. Kappei berichtet, dass Sie sich oft frage, ob die Aufgaben in der Lehre nicht nachhaltiger gestellt werden sollten, sodass die Entwürfe auch nachhaltiger werden. Nachhaltigkeit nicht nur im materiellen, auch im sozialen Sinne! Was leistet ein Gebäude für seine Umgebung? Für die Stadt?

Für die Gesellschaft? Dies seien Fragen, so Kappei, die sie sich stelle, wenn sie durch die Baustelle des neuen Stuttgarter Bahnhofs laufe. Aber auch am Beispiel des neuen Gebäudes für die Fachrichtung Architektur an der HfT erläutert Kappei das Dilemma. Dieses Gebäude habe Preise gewonnen, ist jedoch in vielerlei Hinsicht nutzerunfreundlich. Aufgrund des Brandschutzes kann man keinerlei Pläne aufhängen und die Türen müssen alle verschlossen bleiben.

Ein Klopfen an der Türe höre man kaum, da die Türen zu dick seien und im Atrium dürfe nichts aufgestellt werden. Ein solches Gebäude mache für die Lehre keinen Sinn und ist somit auch unzureichend zukunftsfähig! Konstruktionsverständnis sei wichtig; konstruktive Zusammenhänge optimieren, vereinfachen eine Herausforderung. Die Digitalisierung, so Kappei, bringe Chancen, welche genutzt werden müssen. Architekten müssen mit der Technik wachsen. Auch die Ausein- andersetzung mit Künstlicher Intelligenz am Bau kann neue Maßstäbe setzen. Die Debatte um Generalisten oder Spezialisten, so Kappei, führe auf die falsche Fährte. Generalisten gibt es nicht. Keiner kann alles können oder jeder sollte das Tun können, was er tun möchte, solange alle an einem Strang ziehen und man sich Offenheit für den anderen bewahrt! Das Leben ist eben kom- pliziert und junge Leute brauchen den Mut, etwas erreichen zu wollen. Es brauche Mut, die alten Vorbilder zu verlassen und eigene neue Wege zu gehen. Sie sei der Corona Pandemie dankbar, die Digitalisierung so vorangetrieben und so neue Wege aufgezeigt zu haben.

Architektur ist auch im ganzheitlichen Sinne sinnstiftend. In der abschließenden Diskussion wird klar, und da sind sich alle einig: junge Leute müssen Mut haben und offen sein!

Schlusszitat:
Stefan Schäfer: In Anlehnung an Antoine de Saint-Exupéry ́s „den Schiffbauern Sehnsucht nach dem Meer vermitteln!“ – „Architekten Schub verleihen, Dynamik und Vorwärtsbewegung.“
Peter Ippolito: „Just do it!“
Christine Kappei: „Reflektieren und Hinterfragen!“

geschrieben von
↪ Samira Isabelle Müller
↪ www