↪ Retrospektive, Pauline 51, 2021Architektur-
berufs-
BILDung

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Die Pauline 51 geht nun in die dritte „All-Virtual“ Runde. Der Ablauf ist bereits vertraut. Man schaltet den Rechner an, klickt auf den Link und ist „mitten in der Pauline“. Das Thema des Abends ist „Architektur Berufsbildung“, was ist das Ziel unseres Berufs und welche berufsethischen Mittel werden an deutschen Hochschulen vermittelt?

Rudi Schricker, selbst Professor an der Hochschule Coburg, beginnt wie immer mit einem Statement zum Thema. Ist ein Berufsbild nur Kopfsache? Welche Bilder haben Studierende am Anfang ihres Studiums von dem Beruf? Bestehen vielleicht Vorbilder, die sich im Laufe des Studiums ändern? . Ist Berufsethos eher eine Einbildung statt einer Ausbildung? Und wenn ja, warum ist das so? War das schon immer so? Welches Berufsimage streben Hochschulen an? Was für ein Berufsimage braucht die Gesellschaft? Im Bologna Prozess, so Schricker, wurde deutlich, dass man sich doch eher zu den Künsten hin orientiert hat, als der Bachelor of Arts und der Master of Arts festgelegt wurde. Sind wir deswegen mehr Künstler als Wissenschaftler oder Ingenieure? Die Verschulung der Hochschulen wirkt sich fatal aus auf geforderten Freisinn und Kreativität. Die Ökonomisierung der Hochschulen treibt Studium und Lehre immer mehr in unternehmerisches Denken. Wo bleiben die Freiräume für „anders denken“ und „nonkonformistisches Handeln“? Warum machen wir das alles eigentlich? Wem nutzt das Ganze? (Innen)Architekten, so Schricker wollen gesellschaftliche Rahmenbedingungen optimieren. Architekten wollen die Welt retten, Innenarchitekten die Menschen. Der erste Referent des Abends ist der Architekt und Innenarchitekt Axel Müller-Schöll, Professor, ehemaliger Dekan bzw. Rektor der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle (Saale). Er sieht sich nicht als Professor im klassischen Sinne, sondern eher als Coach für die Studierenden in einem sehr persönlichen Entwicklungsprozess. An der BURG werden Generalisten ausgebildet. Nur ein Teil arbeitet später als klassische Innenarchitekt*nnen, aber alle bleiben immer dem Gestaltungssektor verbunden. Besonders wichtig ist ihm, dass Gestalter*innen (und so auch die Studierenden) eigene Anliegen haben. Entsprechend entwickeln sie Ideen, die sie antreiben, so Müller-Schöll. Wenn man über das Entwerfen redet, dann muss man klar machen, was dieser bedeutet. Er geht auf die Textilweberei zurück, wo der Entwerfende das Bild bereits im Kopf hat, das für alle anderen erst sukzessive, durch das beständige Werfen des Schiffchens durch Schuss und Kette, sichtbar wird. Dieses Bild ist für einen Architekten aber nur erst einmal nur eine Art Versprechen, sein eigentliches Werk entsteht erst, wenn das Versprechen eingelöst und das umgesetzte Werk (dem Auftraggeber) übergeben ist. Es geht also primär um die Qualität bzw. die Relevanz der Idee. Groteskerweise taucht der Begriff der Idee in der HOAI nicht ein einziges Mal auf – gehört also augenscheinlich nicht zum „offiziellen“ Leistungsbild der (Innen-)Architekt+innen – obschon man als Auftraggeber natürlich eine erwartet!

Um etwas Valides zu entwerfen, fährt Müller-Schöll fort, muss der Autor wissen, wie die Welt „tickt“. Und die Idee, die hier aufsetzt, muss den Empfänger treffsicher erreichen. Hier wird das Beispiel eines Renderings gezeigt. Oft wird mit diesen aufwendigen Darstellungen viel gesprochen, jedoch wenig gesagt. Das ist ein Dilemma, denn wenn die eigentliche Idee beim Adressaten keine Fantasien freisetzt und er keine Zukunftsoptionen darin erkennt, wird er dem Vorschlag nie aus tiefem Herzen folgen können. Anschließend zeigt Müller-Schöll Beispiele aus seinem aktuellen Lehralltag. Die Studierenden bedienen sich für die Kommunikation ihrer Projekte des Mediums der Video-Clips, wie sie sie von YouTube her kennen. Es werden verschiedene Arbeiten zu unterschiedlichen Studioentwürfen gezeigt, die jedoch in Art, Weise, Inhalt und dramaturgischer Inszenierung vollkommen unterschiedliche Ansätze verfolgen. Es sind Skizzen der anderen Art, Skizzen, die „laufen gelernt haben“. Wie bei den Vorbildern im Netzt geht es auch hier nicht um Perfektion, sondern um Authentizität. Und das Ganze ist vergleichsweise einfach zu lernen – Tutorials z.B. für Gif-Animationen finden sich auf YouTube, wie auch allerlei andere Handgriffe, die helfen, um auf diese Weise, Ideen so zu vermitteln.

Die nächste Referentin des Abends ist Prof. Mikala Holme Samsøe, Professorin an der Hoch- schule in Augsburg, Gründerin des Studios Samsøe Og in München und ehemalige Direktorin von Henning Larsen Architects in München. Holme Samsøe beginnt ihren Vortrag mit einem klaren Statement: Architektur ist Politik. Architektur ist ein Spiegel der Gesellschaft und damit Ausdruck der Politik. Wir gestalten für Menschen und können auch ihr Verhalten beeinflussen. Architektur und Planung können einen wesentlichen Bestandteil für eine positive Entwicklung der Gesellschaft beitragen. Studierende sollen vorbereitet werden auf ein Arbeitsleben wo sie engagiert relevante architektonische Lösungen auf gesellschaftliche Themen formulieren. Wie aber ermächtigen wir Studierende dazu, Einfluss auf gesellschaftliche Themen zu nehmen? Wichtig ist Holme Samsøe, dass die Studierenden sowie die Lehrenden selbst an das Berufsbild glauben.

Was macht Architektur? Oft wird Architektur nur auf das optische reduziert. Die Schönheit und das Aussehen ist wichtig, aber reduziert ebenfalls den „Impact“. Als dänische Architektin berichtet sie, habe man in Skandinavien schon länger ein größeres Bewusstsein als in Deutschland. Man fragt sich, was eine Architektur leisten kann. Man möchte, dass Architektur den Menschen Dinge er- möglicht!

Im Weiterem beschreibt Holme Samsøe eine Reihe an der TU-München als Gastprofessorin durchgeführten Masterstudios. Sie unterstreicht zwei von ihren pädagogischen Ansätzen die sie als wichtig Ergänzung zur klassischen Tugend und Handwerk von Architekten sieht: Einerseits sollen Studierenden Arbeitsmethoden praktizieren und explicit benennen. Eine explizite Sprache hilft in der Zusammenarbeit sowie wenn man hängenbleibt. . „do not think. Produce. Think while you are producing” ist einer von den Methoden die gut funktioniert hat.

Studierenden führen einen „ Lerning Journal“ und reflektieren darin was sie gelernt haben, was sie noch nicht verstanden haben – und was sie Lust hätten zu verstehen.. Anderseits ist das Schaffen von einem “safe environment” zum Lernen und Experimentieren wichtig. Unsicherheiten stören den Lernprozess. Am Anfang jeden Workshop-Tag macht Holme Samsøe ein so genanntes „Check-In“, Studierende reflektieren kurz darüber was sie seit letzten Inspiriert haben oder wie es ihnen geht. Es soll Vertrauen entstehen und ein nicht kompetitive Lernatmosphäre wo Studieren- den einander hilft und menschlich unterstutzt.

Die Innovationskultur die man aus den Business Schools und Unternehmen kennt mischt in der Architektur merkwürdigerweise nicht so weit vorne mit im Vergleich zu anderen Disziplinen, obwohl ArchitektInnen genau in eine emergente Praxis arbeiten und sich intuitiv mit Arbeits- methoden auskennen die Unsicherheit und Entwicklung bewältigen kann. „Innovative Methoden“ wie „Post-Its“ oder „Lego“ sind Zeichen für Innovation - und es scheint als hat die Architektur- branche noch nicht ihren eigenen visuellen Ausdruck dafür gefunden.

Der dritte Beitrag kommt von Prof. Tobias Wallisser von der staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart: „Innovative Entwürfe und Entwerfer“. Zu Beginn stellt er die ABK in Stuttgart vor: angrenzend an die Weißenhof Siedlung in Stuttgart, ist an der ABK besonders die Nähe zur Kunst zu bemerken. Architekten werden hier zu Generalisten ausgebildet.

Wallisser beschreibt Architekten als Seismographen der Gesellschaft, nicht die Klempner. Klempner reparieren mit einem festen Werkzeugkasten. Seismographen hingegen ergründen erst durch Fragen. Solche Leute will man an der ABK ausbilden. Hierbei zitiert er Cedric Price „es geht, um die Möglichkeit, Veränderungen eine Form zu geben“ und, gesellschaftliche Denkanstöße geben. Studierende müssen Zusammenhänge entwerfen – vorher geht nichts!

In der von Globalisierung, Klimawandel, schwindenden Ressourcen und einer Pandemie geprägten Welt, steht die ABK für Interdisziplinarität, Diversität und Weltoffenheit. Künstlerisch, experimentelle-forschung und innovatives und zukunftsweisendes Denken sollen gefördert werden. Und was heißt das dann? Entwürfe müssen radikal sein, so Walliser. Studierende sollen gesellschaftlich relevant und zukunftsorientiert denken und dabei technische und wissenschaftliche Aspekte mit einfließen lassen. Jeder Kreative sollte über die Konsequenzen seiner Entwürfe nachdenken. Das Studium ist keine Ausbildung, sondern der Zugang zur Bildung. Hochschulen sind keine Berufsschulen.

Wie im Bauhaus möchte man an der ABK Grundgruppen festlegen, wo alle Studierenden gemeinsam Grundlagen erlernen. Denn, wo ist der Unterschied zwischen Design und Architektur bei den Grundlagen der Gestaltung? Es gibt ihn nicht! Ziel ist es zudem die Neugierde der Studierenden zu wecken. Auch der handwerkliche Aspekt ist wichtig, wird jedoch immer aus einer experimentellen Sicht gedacht. Walliser stellt beispielhaft eine Masterarbeit vor, bei der die Fassade, nicht als Grenze, sondern als Raum gedacht ist. Innovatives Gestalten soll so möglich gemacht werden.

Es sollen Antworten auf theoretische Fragen zur Weiterentwicklung gefunden werden. Dabei sollen Studierende lernen, innovative Werkzeuge wie zum Beispiel Virtual Reality zu nutzen, das Digitale soll aber nur als Prozess gedacht werden. Der Internationale Aspekt ist für die Studierenden an der Weißenhof Siedlung wichtig, da es sie ermächtigt die Perspektive zu wechseln. Es geht darum, zu erlernen Potentiale von Anderen zu entdecken, die man wieder in die eigene Arbeit mit einfließen lassen kann. Die Vision ist es, so Wallisser, die Studierenden dazu zu ermächtigen positive Einflüsse auf ihre Umwelt – ihre Habitate auszuüben. Wir erfinden unsere Berufe selbst – Berufung eben.! Das ist der Unterschied zur Ausbildung.

In der anschließenden Diskussionsrunde fassen die Referenten nochmals zusammen: Wenn man sich für Architektur – egal ob Innen, Hochbau, Landschaft oder Städtebau – entscheidet, wird dies zum Lebensentwurf. Müller-Schöll betont, dass das Materielle nicht der Beweggrund sein dürfe, dafür aber die ideellen Entwicklungsmöglichkeiten einfach unvergleichlich sind. Holme Samsøe bestärkt das Statement von Müller-Schöll: In Bewegung bleiben, sobald man ins Rollen gekommen ist und Wallisser schließt damit, dass der Beruf eine Berufung zum lebenslangen Lernen ist. Man muss sich ständig an die Gesellschaft anpassen, ständig neuen Herausforderungen entgegentreten, seine eigene Haltung neu definieren und sensibel sein für Veränderungen. Wir als Architekten, Innenarchitekten und Gestalter stehen in der Verantwortung, unsere Standpunkte stetig zu reflektieren.

geschrieben von
↪ Samira Isabelle Müller
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