↪ Retrospektiv
Pauline 51 - 03.12.2020, Winter 2020
Architektur und Digitalisierung - Chancen und Gefahren

Ethik und Digitalisierung, Mehrwert für Entwurf und Plan? — Ethik und Digitalisierung, Mehrwert für Entwurf und Plan? — Ethik und Digitalisierung, Mehrwert für Entwurf und Plan?

An diesem Abend ist die Paulinenstraße 51 leer wie nie, kein Gedränge, kein vorweihnachtliches, gemeinsames Glühwein trinken. Jeder der rund 70 Teilnehmer ist vor dem eigenen Bildschirm online bei PAULINE 51. Nur Bernd Mannsperger hält mit seinem Team die Stellung vor Ort.

Rudi Schricker läutet die Hybrid-Veranstaltung mit Beispielen der „gesunden digitalen Helfer der Zukunft“ ein. Beispiel hierfür ist ein selbst lernendes, „smartes“ Bett im Krankenhaus, das sowohl auf Patientenbefindlichkeit eingehen, dem Pflegepersonal assistieren und den Angehörigen Aufschluss über Betreuungserfordernis geben kann. Er stellt die Frage nach dem ethisch, moralischen Mehrwert solcher Lösungen. Werden Menschen gesünder, wenn die entsprechenden Tools ethisch, moralisch vertretbar sind und akzeptiert werden? Studien belegen, dass der technologische Wandel, den wir gerade erleben, viele ethische Herausforderungen mit sich bringt. Gleichzeitig wird der ethische Wert in der angewandten Forschung durch Datenanalyse hinterfragt. Schricker meint, ein ethisch wertvoller Raumentwurf wirkt auf Menschen wohltuend und anerkennend gesund und erhöht im Idealfall Lebensqualität und Selbstbestimmung.

Der erste Referent des Abends ist Richard Christophers von Christophers Architekten. Zu Beginn definiert er den Begriff der Ethik, als Teilgebiet der Philosophie, die sich mit dem menschlichen Handeln befasst. „Ethos“bedeutet Sitte und Gewohnheit. Damit schlägt Christophers den Bogen zum „Berufsethos“, das oft auch als Synonym von Berufsimage angesehen wird. Der zweite Begriff „Digitalisierung“ bedeutet das Umwandeln von analogen Werten in digitale Formate. Um die genannten Begriffe transparent zu machen, beschreibt sie Richard Christophers anhand des Werdegangs seines Büros. Zu Beginn seiner Karriere zeichnete man mit Stift, Papier und korrigierte mit der Rasierklinge. Noch um die Mitte der achziger Jahre war ein PC nur eine bessere Schreibmaschine. Ende der achziger Jahre erfolgte der damals riskante Einstieg in ein 3D Programm, der durch ein grosses Projekt finanziell erst möglich wurde. Damit war der wesentliche Sprung geschafft. Als Christophers Architekten Mitte der neunziger Jahre den Auftrag bekam, einen Waldorfkindergarten als Anbau an einen Bestand mit geometrisch anspruchvollen Formen mit allerlei verschiedenen Winkeln, Schrägen und Höhen zu planen, war das bisherige CAD Programm am Ende. Es mussten einige Programme getestet werden, bis das passende gefunden wurde. Auch wenn die Technik als Unterstützung gesehen wird, die immer besser wird, ist es kaum möglich, so Christophers, immer mit der Zeit zu gehen. Das Arbeiten hat sich verändert. Von einer Generation, wo noch „jeder Strich zählte“, ist die neue Generation der Architekten und Gestalter zu einer „Try & Error-Generation“ aus den digitalen Neuerungen herangewachsen. Striche sind beliebig oft wiederholbar geworden. Christophers bezweifelt und stellt die Frage in die virtuelle Runde, ob mit dem PC eigentlich wirklich entworfen werden kann.

Pauline 51 - 03.12.2020 - Winter 2020 Auch wenn der PC vieles kann, ist das Ergebnis höchstens so gut wie der Nutzer davor. „Wir“ als Architekten müssen immer noch wissen, „was“ am Ende herauskommen soll – der Computer kann das nicht. Leider sieht die Realität öfter so aus, dass der Architekt mit den Programmen ringt, als die eigentliche Aufgabe des Entwerfens anzugehen. Den früher üblichen „suchenden Strich“ gibt es in der digitalen Welt nicht mehr.

Abschließend greift Christophers erneut die Frage nach dem Berufsethos auf und ob und wie die- ses sich durch die Digitalisierung für den Berufstand wirklich geändert hat?! Im Anschluss an Christophers präsentieren Christopher und Marcel Heller ihr Design Büro und ihre Arbeitsweise. Das 3D Entwerfen ist für die Brüder wesentlich. Marcel Heller geht gleich darauf ein, dass für das digitale Arbeiten ein Hybrid aus Stift und Computer essenziell ist.

Ein Entwurfsarchitekt ist ein hochspezialisierter Handwerker, der seine(3D-) Tools perfekt beherrschen muss und für den Entwurfsprozess keine Abhängigkeit von anderen haben sollte.

Er erläutert, wie es oft so ist, dass das Rendering – das Aushängeschild für einen Entwurf, oft von anderen gemacht wird. Es gibt Firmen, die nur Renderings für andere machen und so ebenfalls Entwerfer werden. Dies ist durch die Komplexität der Programme entstanden und nicht durch die Aufgabe selbst. Hierbei darf die Idee doch nicht auf der Strecke bleiben, die Maus muss zum Stift werden – so gut sollte jeder das Programm beherrschen.

Weiter beschreibt Heller den Projektprozess im Büro: es beginnt mit einem Teambriefing, der Re- cherche, Skizzen, 2D Grundrissideen und der Überführung direkt in das 3D Model. Derjenige, der das Projekt durchführt, wird zum „Projektmaster“, der alles quasi „alleine“ machen kann. Dadurch, dass in 3D auch Dinge wie Tageslicht gleich enthalten sind, können solche Aspekte spontan mit in den Entwurf einfließen. Es wird 1:1 getestet und die Kontrolle über das Bild und Endergebnis wird so erhalten. Abschließend stellt Heller die Frage, ob es nicht möglich wäre, den Entwurfsprozess auch in der Lehre stärker zu digitalisieren. Oft kennen sich Jobanwärter nicht so gut mit dem Entwerfen in 3D-Werkzeugen aus. Es ist dabei aber so wichtig, einen autonomen Prozess zu gewährleisten, sodass Ideen sofort und selbstständig umgesetzt werden können. Zwischen dem zweiten und dritten Beitrag entbrennt schon eine Diskussion darüber, Digitales nicht als Gefängnis zu sehen. Renderings sollten nicht als das Finale, sondern als Teil des Proz- esses gesehen werden. Hierbei wird auch auf das „Entwurfswerkzeug“ eingegangen und auf die Frage, was eigentlich komplexer geworden ist? - die Arbeit oder das Arbeitstool? Die Endergeb- nisse, die einen echten Mehrwert bieten, sind komplexer geworden, weswegen zwischen Experten immer mehr fusioniert und kooperiert werden sollte. Die Frage, ob sich durch Digitalisierung nicht die gesamte Ideenfindung gewandelt hat, wird eb- enfalls vorgebracht. Nimmt Digitalisierung uns zu viel ab und macht uns bequem und inaktiv? Können Menschen seit GoogleMaps nicht mehr richtig Karten lesen? Kann ein Kunde noch einen Grundriss lesen, wenn er sonst immer ein Rendering vorgesetzt bekommt? Ein Statement ist, dass Kreativität immer gleich bleibt, sich eben nur die Möglichkeiten verändern. Jedoch ist es schwieriger geworden, frei in seiner Kreativität zu bleiben und sich nicht von Werkzeugen beherrschen zu lassen: „think outside the software“ und sei nicht ihr Sklave. Softwaresklaven erzeugen nur seelenlose Fassaden, hinter die seelenlose Menschen ziehen. Die Architektur wird austauschbar. Entwerfen muss nach wie vor als freies Spiel betrachtet werden.

Patrick Müller von Solide White ist erneut Impusgeber in der Pauline 51. Gemeinsam entwickelt das Team aus „Zockern“ interaktive Welten. Ein Gamer zu sein ist für die Geschäftsleitung essen- ziell bei der Einstellung eines neuen Mitarbeiters – so stimmt die Wellenlänge und die Denkweise! Müller stellt ein Projekt vor, bei dem Daten durch Heattracking gewonnen wurden. „Heatmaps“ mit unterschiedlichen Schwerpunkten, zeigen, was im Inneren (in diesem Fall ein Autohaus) passiert. Laufwege werden verdeutlicht, potenziell überflüssige Räume werden deutlich.

Für einen Entwurf sind diese Möglichkeiten ideal und bieten eine perfekte Basis zur Analyse und Neuplanung von Gebäuden und Räumen, orientiert an den Bedürfnissen der Nutzer. Das Problem entsteht jedoch, sobald die Daten weitergegeben werden. Was passiert mit den Persönlichkeitsrechten der Mitarbeiter? Entsteht so nicht auch Kontrolle und Überwachung?

Ein weiteres Thema in der Arbeit von Patrick Müller ist die Augmented Reality, die erweiterte Realität. Die reale Welt verschränkt sich immer mehr mit der virtuellen Welt. Der Architekt und Gestalter der Zukunft, so Müller, muss wahrscheinlich erst einmal überlegen, in welcher Welt er eigentlich baut. Weiter spekuliert er, was passieren würde, wenn die Augmented Reality über- hand nehmen würde. Was passiert, wenn virtuelle Grafik dominiert in einer realer Umgebung? Was passiert mit unseren Städten? Wie ändert sich der Begriff der Öffentlichkeit? Würde man wollen, dass bei einer Besichtigung der sixtinischen Kapelle eine Starbucks Werbung aufpoppt? Was macht das mit Orten? Können so nicht allerlei Unfälle passieren? Ist Gestaltung dann noch Welche Verantwortung haben hier Architekten und Gestalter? Fragen, die allen Zuhörenden viele Denkanstöße geben. Der letzte Beitrag kommt von Prof. Dr. Brigitte Sölch, die an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart Architektur- und Designtheorie, sowie Architekturgeschichte lehrt. Als „Nichtarchitektin“ und „Nichtgestalterin“ thematisiert sie die seit Jahrhunderten vieldeutig diskutierte Frage, was Architektur denn eigentlich ist, und wonach auch der Standpunkt entscheidend ist, von dem aus Architektur betrachtet wird.

Weiter beleuchtet sie das Thema der Ethik. Ethik ist nicht gleichzusetzen mit Moral. Schon Aristo- teles hatte sich damit befasst. So ist Ethik mehr der Versuch die Komplexität des Lebens in Relation zu sehen. Das Einzelne im Verhältnis zum Ganzen, das Indviduelle im Verhältnis zum Gesellschaftlichen und Politischen. Der Begriff Design, so Sölch, leitet sich von dem italienischen Wort „disegno“ ab. Er bezeichnet Entwerfen und das ausführende Zeichnen. So gesehen ist das Tool bzw. die Hand nicht von der Idee zu trennen. Der Architekt ist somit Entwerfer und Bauleiter. Sölch untermalt dies mit zwei Florentiner Reliefs aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Sie zeigen dieselbe Person als Herr auf einer Baustelle und als Entwerfender am Schreibtisch.

Was ist Ethik also nun in der Praxis als Architekt und für Gestalter? Ist es das, was unser eigenes Handeln und Gestalten hinterfragt? Ist es eine Art des in die Zukunft Blickens und damit ethisch verantwortlich zu sein? In ihrem Vortrag geht Sölch auf „das Prinzip der Verantwortung“ von Hans Jonas ein und wirft damit die Frage auf, ob Themen wie Ökologie, Klimawandel und Ressourcen inzwischen nicht auch stärker in Relation zu weltweit verhandelten und davon nicht unabhängigen Themen wie struktureller Rassismus, Geschlechterrollen und Postkolonialität thematisiert werden müsste, wenn es um das Verhältnis von Ethik und Architektur geht. Die kritische Kunstgeschichte, so Sölch, geht auch auf die Praktiken des Sehens ein und damit auch auf die Frage nach der Aufmerksamkeit. Jedoch gibt es eben nicht nur „das einfache Sehen“. Sehen ist ein äußerst komplexer Vorgang und jeder Mensch sieht zwar grundlegend gleich, nimmt aber völlig unterschiedlich wahr. Die Beziehung zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren ist interessant. Mit welchen Bildern wird man also konfrontiert? Architekten präsentieren ihre Entwürfe meist in einer leuchtenden Zukunft und nie in einem eher negativeren Umfeld. Sölch schlägt vor, Möglichkeiten zu schaffen, damit Renderings einen Teil der Zukunft in sich aufnehmen und Spuren des Lebens zeigen. Eine Frage der Authentizität? Originalität?

Auch ist es interessant, wenn man auf die Gesellschaftsentwürfe innerhalb von Renderings blickt. Oft finden sich in Renderings weltweit dieselben „Staffagen“. Das ist wohl eher weniger eine wün- schenswerte Idee von einem sozialen Zusammenhalt. Auch die Auseinandersetzung mit der Formgebung ist zu hinterfragen. Es werden immer wieder dieselben Dinge wahrgenommen. Wir müssen uns also fragen, ob wir nicht in einem sehr engen Korsett aus einem gewissen Formenrepertoire gefangen sind, wenn wir uns nicht hinterfragen.

Als Fazit gilt, Ethik ist mehr „ein kritisches Nachdenken“ über die Dinge, anstatt schlichtweg Moral. Ethik ist mehr eine Schaffung einer User-Experience. Ethisches Entwerfen ist die Chance für Architekten und Gestalter Teil eines großen Ganzen zu sein. Wir müssen uns spezialisieren, da es ist unmöglich ist alles zu können. Gleichzeitig ist es aber möglich das große Feld, welches uns unsere Profession gibt, in allen Richtungen auszukosten. Wir entwerfen und bauen nicht für uns, sondern für Andere. Wir müssen lernen empathisch zu sein und Andere nachzuvollziehen, jeder als kleines Getriebeteil in einem großen Schaffens- prozess der Architektur.

geschrieben von
↪ Samira Isabelle Müller
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